Sonntag, 23. Dezember 2012

Noch ein kleines Wunder kurz vor dem Fest. Am Tag vor Heiligabend fahren wir nach Wümme, in das Sieben-Häuser-Dorf an der B75 zwischen Tostedt und Scheessel. Dort liegt der Hermannshof, ein gebrauchter Demeter-Hof im Moor, mit integriertem Puppentheater. Im Netz steht darüber: "Der Hermannshof in Wümme ist ein landwirtschaftlich-kulturelles Projekt, wo auf ökologisch, ethisch und ästhetisch bewirtschaftetem Boden außer Feldfrüchten auch soziale und künstlerische Ideen gedeihen können", Wir sehen ein Stück, das auf der Erzählung "Pique Dame" vom Alexander Puschkin (seine Büste ist Teil des Bühnenbildes, siehe Foto). Die Erzählung ist so merkwürdig, wie russische Erzählungen vor hundertfünfzig Jahre gern mal waren. Das Stück ist bezaubernd, fesselnd, und die Spielerin der Puppen, Antje König, macht einen funkelnden Edelstein aus dem Rohmaterial. Ein wirkliches Märchen, so kurz vor Weihnachten, und unbedingt zu empfehlen (dem Vernehmen nach auch z.B. Anna Karenina, das gibt es im Februar wieder - und die dreißig Plätzchen in dem winzigen "Saal" sind schnell weg!).   http://www.hermannshoftheater.de/


Sonnabend, 15.12.2012 - Heute zwischen Altmark und Wendland

 

(und da ist wirklich nicht so viel Trubel). Nach Hause auf Nebenstraßen, von Arendsee nach Lüchow führt die Straße über den Landgraben durch früheres Grenzland zwischen Deutschland und Deutschland. Der Mond sichelt am Himmel. Im Radio erzählt jemand: nach dem Amoklauf in den USA gestern wurde erneut eine Verschärfung der Waffengesetze diskutiert. Aus den Kreisen, die die Freiheit der Waffen propagieren, wurde argumentiert: eine Verschärfung der Waffengesetz nützt nur den Verbrechern, den die halten sich ja sowieso nicht an Gesetze. Hallo, was ist denn das für ein Scheiß? Dieser Logik folgend müsste man alle Gesetze auf den Müll der Geschichte werfen, da  sie nur den gängeln, der sich an sie hält, aber den Verbrechern alle Freiheiten eröffnen, der sie ja bekanntlich ignoriert. Ob diese Form der Anarchie gemeint war, frage ich Stirner und Bakunin. Sie antworten nicht. Unter ihrer Würde.


Donnerstag, 29. November 2012

 

Ein Dorf mit einem Dutzend Höfen unter alten Eichen, umgeben von Kiesgruben und Mülldeponien: Ketzendorf, zu Buxtehude gehörig, früher mal mit einem eigenen Bahnanschluss für Kiestransporte. Der Hof Peters mitten im Dorf ist verwaist, in den Garagen stehen noch ein aklter Käfer und ein orangener Kadett, im Wohnzimmer stehen noch Stühle, es sieht aus als wenn die Bewohner verreist waren und plötzlich alles zusammen gebrochen ist. Und dann hat sich keiner mehr drum gekümmert. Jetzt scheint das alte Fachwerkhaus seit Jahrzehnten zu verrotten, und in den Stallungen und Werkstattgebäuden liegt das Saatgut verschüttet neben alten Toshiba-Druckern und zersplitterten Sicherheitsglasscheiben. Im Stall steht ein Multitrac von Güldner, gebaut 1955-57, ganze vierhundert Stück gabs davon. Das muss ein Liebhaberstück sein. Drumrum Müll.

Über Ketzendorf ist auch im Internet nicht viel zu erfahren. Es gibt in Ketzendorf ja nicht einmal einen Briefkasten (sagt das Netz). Über den Hof Peters weiß man gar nichts. Es bleiben die Bilder. Und meine Erinnerung an einen trüben Novembertag zwischen Brombeerranken und Kalifornischer Goldrute, mannshoch.


Mittwoch, 7. November 2012

 

Noch vierzehn Tage -  dann beginnt die Fotoausstellung "Blickwechsel" des Landkreises Harburg in der Kunststätte Bossard. Die Vernissage ist

 

Mittwoch, 21.11.2012,

19 Uhr, Kunststätte Bossard

(Jesteburg-Lüllau, Kreis Harburg, Bossardweg 95)

 

Zwei Bilder von mir sind dabei und 88 weitere von anderen Fotografen aus dem Kreis Harburg. Die Kunststätte ist ein verwunschener Ort im Wald bei Lüllau, den Johann Bossard mit seiner "nietzscheanisch-germanisierenden Privatmythologie im Heidesand" (NZZ) ab 1911 gestaltete. Gemeinsam mit seiner Frau schuf sich der Professor für Skulptur an der Hamburger Hochschule für bildende Kunst (kurz "Lerchenfeld") ein Atelier, eine Kultstätte, ein skurriles Gesamtkunstwerk. Da wirkt einiges sehr esoterisch, etwas verblasen, aber immer voll expressionistisch und eigen-artig.

Diese beiden Fotos von mir hängen dort dann ein paar Wochen:

Die drei Bilder unten sind nicht ausgewählt worden - was der Fotograf nicht unbedingt zwingend nachvollziehen kann... Flyer und Plakat für die Ausstellung machen mit einem Foto auf, das einen Blick in ca. drei große Gasleitungsröhren bietet. Das könnte man so begründen, dass ja jeder mal Röhren fotografiert hat (oder Sie etwa nicht? Ich schon). Insofern könnte man es als den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Fotografen verstehen. Oder auch nicht, jedenfalls wollten sie die drei schönen Bilder hier nicht haben:

Dabei finde ich, sie hätten nicht schlecht zu Bossard gepasst. Ob sie ihm gefallen hätten, wage ich nicht zu sagen. Aber sie hätten seinen Ansatz sozusagen in die Moderne verlängert. Oder übertreibe ich gerade? (Die Bilder der Kunststätte habe ich heute aufgenommen, als ich meine Fotos abgegeben habe).


25., Oktober 2012

Über den Dingen

 

Manchmal tut es einfach gut, ein wenig über den Dingen zu stehen. Buchholz hat ein neues Einkaufszentrum. Es ist im Wesentlichen recht überflüssig, aber es hat auch seine Daseinsberechtigung: Vom Parkdeck kann man runtergucken auf unsere kleine Stadt. Der Fotograf in mir rümpft die Nase - von oben runterknipsen, das ist ein bisschen billig, kann ja jeder, da gehört nun wirklich nichts dazu. Aber so ist es nun mal: der ungewohnte Blick ist in der Tat immer wieder überraschend, spannend oder einfach nett. Die Rauchertischchen vor dem Bäckerladen sehen von oben deutlich attraktiver aus als von  nahem.

Um die neue "Buchholz Galerie" sieht es noch etwas baustellenmäßig aus. Aber es gibt ja noch andere Orte, von denen aus man gut gucken kann: das Buchholzer, Krankenhaus mit seinem fünf Stockwerken oben auf dem Berg, das siebenstöckige Appartmenthaus über dem Steinbachtal, und das Parkdeck Kabenhof am Bahnhof, immer wieder dieses Parkdeck, wie oft habe ich schon da oben gestanden, auf diesem stets und ständig leeren Parkdeck, immer einsam ist es da und wie bereit zu einem showdown à la "High Noon", im Hintergrund singt Tex Ritter "Do Not Forsake Me Oh My Darling", und wenn man runterguckt sieht man alles anders...

http://youtu.be/QKLvKZ6nIiA....


6. Oktober 2012

Ginkgo-Herbst

 

Vor unserem Balkon wächst der Ginkgo-Baum und wächst, irgendwann werden wir feststellen, dass wir nicht den besten Standort für ihn gewählt haben, weil er alles beschattet, aber das dauert noch ein bisschen. Heute wies Gerlinde auf die herbstliche Färbung hin: das Chlorophyll wird rausgezogen, es sieht aus wie bei einem Gaschromatographen. Der in Ostasien heilig gehaltene Ginkgo ist eine eigene Art zwischen Laub- und Nadelbäumen, der die asiatischen Philosophen wie die westluichen Dichter angeregt hat. Goethe hat den Ginkgo erforscht und bedichtet:

 

"Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?"

fragte er kokett in seiner Ginkgo-Ode, und in Weimar gibt es heute kaum ein Geschäft ohne Ginkgo-Souvenirs, -präparate oder -pflänzchen. Und Grübler sinnen bis heute über das zweigeteilte Blatt des Ginkgo und seine Zweihäusigkeit als Metapher für Geist und Körper.


4. Oktober 2012

Gängeviertel

 

Die Häuserblocks in bester Citylage sind seit drei Jahren von Künstlerkollektiven besetzt. Das Schöne an dem kleinen Christiania mitten zwischen geschäftshäusern von Axel Springer bis Unilever ist: jedesmal wenn man vorbeikommt gibt es wieder was Neues. Dieses Mal zum Beispiel eine kleine Plakatausstellung im Durchgang zum Hinterhof. "Freiheit ist nur ein Wort für eine neue Art verarscht zu werden" - was mischt sich da? Wut und Resignation? Aufbruch und Nihilismus? Kunst als Klassenkampf oder Verbalradikalismus? Differenzen, Widersprüche und Brüche sind hier eingebaut. das schöne goldbeflitterte Eckchen steht neben den paste-ups in all ihrer Vergänglichkeit (teils abgerissen, teils noch erhalten) und der Erinnerung an der Kollektiv der ersten Besetzungsphase "Die Kupferdiebe". Komm in die Gänge!

 

 

 

 


Mittwoch, 3. Oktober 2012

 

Rügen-Blicke

Bilder einer kleinen Reise (Zweiter Teil)

 

In der kleinen achteckigen Selliner Dorfkirche kann man durch alle Fenster rein- und auf der anderen Seite wieder rausgucken. Nur ein Fenster erlaubt keinen rechten Einblick, dahinter verbirgt sich, so scheint es, der Putz- und Abstellraum.

Andere Fenster ziehen den Blick in die umgebende Natur, ohne ihn durch Glas und Sprossen abzulenken. Eine verlassene Anlage (Feriendorf aus DDR-Zeiten?) ist nach anfänglichen Versuchen, die Fenster zu verbarrikadieren, dem freien Zutritt für jedermann überlassen worden. Die Natur erobert sich das Terrain zurück.

Die Tür ist rausgetreten und liegt auf der Erde. In der Türkassette sammelt sich das Regenwasser und wird grünlich gefärbt. Die Natur erobert das Wasser, die Türkassette und überhaupt alles hier.

 

Herrenhäuser, Dorfkirchen, Stadt- theater - überall Fenster, die das Heute mit dem Vorgestern und mit Glaube, Geschichte, Kultur und Gesellschaft verbinden. Unten die Schlossruine von Pansevitz, die Kirche von Middelhagen und das Puttbuser Theater kurz vor der Aufführung einer unterhaltsamen Musik-Kabarett-Revue.

 

 

 

 


Sonntag, 30. September 2012

 

Rügen und andere Einsprüche - Bilder einer kleinen Reise (Erster Teil)

 

Putbus ist mit 4500 Einwohnern nicht gerade eine Metropole. Aber die klassizistischen Bauten, die meist unter Fürst Wilhelm Malte I. (1783-1854) errichtet wurden, stehen bis auf das Schloss noch. Die meisten sind knatschweiß, viele neu gestrichen und modernen Nutzungen zugeführt (IT-College und so), aber vieles steht auch leer - am Marktplatz gibt es Geschäfts- und Ladenräume zu mieten, soviel man will. Auch die Werkstatt steht leer, es war wohl mal eine Tischlerei. Und in der Lotto-Annahmestelle steht noch die alte Rechenmaschine, man sieht sie durch ein Loch in  der verblendeten Schaufensterscheibe.

Der lehmige Boden scheint den Rosenwuchs enorm zu fördern, überall stehen Rosenbäumchen vor den Häusern und kontrastieren aufs Charmanteste mit den mehr oder weniger weißen Fassaden.

 

Nach dem verträumten Spaziergang durch die hinteren Gassen von Putbus, vorbei an der Schrebergartensiedlung mit dem stolzen Namen "Frohe Zukunft", fuhren wir weiter nach Pansevitz. Auch mal ein Herrenhaus derer zu Krassow, später der Innhausen und Knyphausen, 1597 erbaut, stand es bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann wurden die Steine des verlassenen Schlosses dringend benötigt und es wurde mehr oder weniger abgetragen und anderweitig verbaut. Heute ist die Restruine gesichert und begehbar, und der Park drumherum wurde zum Glück nicht anderswo benötigt. Riesige alte Bäume, dazwischen große Rasenflächen und kleine Teiche verströmen Ruhe. Passt ganz gut, denn nebenan liegt der örtliche  Friedwald, Ruhe in Frieden.

Ein paar Kilometer weiter, auf der über eine Brücke erreichbaren Insel Ummanz,  rasten die Kraniche. Tausende ruhen aus, bevor sie weiter nach Süden ziehen. Die neuen Erntemaschinen für den Mais lassen nicht mehr viel übrig, mancherorts muss zugefüttert werden.

 

Putbus, Pansevitz, Ummanz - einmal quer über die Insel Rügen. Noch Fragen? Keine Einsprüche.

 

 

 


Donnerstag, 13. September 2012

 

 

Lüneburg versucht hip zu sein. Die Leuphana-Universität  beauftragt den Star-Architekten Daniel Liebeskind, ein Konzept für den Campus im ehemaligen Kasernen-Areal Scharnhorststraße zu entwickeln. Am 20.September spielt das wirklich spitzenkrass gute Quadro Nuevo im Vamos. Vor um und zu vierzig Jahren spielte die aufstrebenede Folk-Rock.-Gruppe fla:wutz mit Ingo Engelmann an der Querflöte in der "Pampelmuse" am Ilmenau-Ufer. Man sieht: Lüneburg versucht, was aus sich zu machen. Nur streetart-mäßig ist wirklich nicht so viel los, da fehlt das Salz in der Suppe, und so machte man auch daraus ein Projekt (natürlich wieder Leuphana), und ließ 2009 ein paar Dutzend Künstler ihre Wandmalereien über die ganze Stadt verteilen.

Viele sind auif dem Campus (wie ich bei meiner heutigen Fahrrad-Street-Tour feststellte). Um genauer zu sein: ich stellte es nicht fest - ich hatte aus dem Internet eine Karte mit den Standorten der Malereien runtergeladen. Vor ein paar Wochen war ich nämlich schon mal durch Lüneburg getigert und hatte uninformiert wie ich war nichts gefunden, aber auch wirklich gar nichts, Lüneburg war pittoresk, altstädtisch, malerisch, schöngefärbt, aber nicht streetartig. Meine Nichte Carla hatte mich darauf hingewiesen, dass es das street-Projekt 2009 gegeben hatte und möglicherweise sogar noch einen Führer, der die Orte aufführt. Und den gibt es tatsächlich im Internet.

Viel also auf dem Campus: zum Beispiel der in den Mensa-Scheiben gespiegelte Dino (s.o.) und die verspielten Fantasy-Artisten. In der Stadt gibt es aber auch vieles (wenn auch die Graffiti an dem Abriss-Parkhaus am Wasserturm wohl nicht zum Vorzeige-Projekt gehört hatten).

Neben vielen Graffiti und murals gibt es auch ein letztes paste up (ein  weiteres in der Glockenstraße steht im Plan, ist aber nicht mehr auffindbar - wahrscheinlich einer dekorativen Sanierungsmaßnahme zum Opfer gefallen). "Oft ist es besser, wenn man denkt" hat einer mmit Kreide neben das paste up in der Salzstraße geschrieben, was sicher alles in allem richtig ist. Und das beeindruckendste Wandbild mit dem verrätselten Kinderblick ist betitelt "art doesn't help people" (Wandfärberstraße). Es gibt aber für diese enttäuschende Botschaft einen ermutigenden Zusatz. Nur: er ist versteckt, da steht ein Müllcontainer davor. Hinter der Plastikwanne steht an der Wand, etwas kleiner: "people help people". Das tröstet dann doch ein bisschen.

 

 

 


Donnerstag, 6. September 2012

 

 

 

 

Heute Erkundungsgang in der aktuellen Abschiebemetropole Norddeutschlands, Stade. Martialisch dräut an der Elbe das stillgelegte Atomkraftwerk, eine der kostenträchtigen Industrieruinen unserer Region. Die Kosovo-Familie Fazlijai wurde aus einem Dorf bei Stade nach 23 Jahren Integration in Deutschland abgeschoben, weil sie in dem Gestrüpp aus fehlender Arbeitserlaubnis und Duldungsverlän-gerungen erst nach Ablauf der Frist einen Vollzeitarbeitsvertrag vorlegen konnte. Nachts festgenommen, ab in den Flieger, der Rechtsanwalt konnte den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen die Abschiebung nicht mehr rechtzeitig einbringen (die Sache schwebt noch, aber wozu jetzt?). Die Eheleute waren Anfang der achtziger als Kleinkinder nach Deutschland gekommen und hier zur Schule gegangen.

In Stade geht das Leben weiter. In der schnuckeligen Altstadt drängen sich die Touristengruppen, ob mit oder ohne Fahrrad. Was ist die Steigerung von Old Europe? Das Alte Land. Und das beginnt hier in Stade, auf den Wiesen und in den Köpfen. Die Leserbriefspalten der Regionalpresse sind gefüllt mit den Zwischenrufen der Menschenrechtler.

Die Stadtväter haben andere Sorgen. Die Lücken in der Altstadtbebauung konnten in den sechziger und siebziger Jahren mehr schlecht als recht geschlossen werden, viel ist den Architekten damals nicht eingefallen, aber sei's drum. Spätestens seitdem Hertie in der Innenstadt dichtgemacht hat, werden neue Narben unübersehbar. Die Betonbauten der Konsumpaläste vergangener Jahrzehnte bröseln vor sich hin. An der Schwinge entsteht eine neue Hafencity, demnächst sollen auch im alten Gasometer Eigentumswohnungen entstehen, unerschwinglich wohl, direkt am Fluss. Selbst wenn die Lämmertwiete per Aufkleber zum Antifa-Gebiet erklärt ist, das ist ja nur eine kleine, einen knappen Meter breite Gasse, das wird nicht reichen, um Bürokratie und Fremdenfeindlichkeit zu stoppen.Und die Tore des DRK sind auch fest verschlossen. Hier kommt keiner rein, wenn wir nicht wollen. Als damals zur Zeit der Hanse die englischen Tuchkaufleute kamen, die haben sie gern reingelassen, die Stader. Dafür wurden sie aus der Hanse rausgeschmissen. Heute schmeißen sie selber raus. O tempora o mores.

(Nachtrag: Jetzt (einige Wochen nach dem obigen Blog-Eintrag)  hat der Sozialausschuss des Stader Kreistages die Landesregierung aufgefordert, die Familie Fazlijai wieder nach Deutschland zurückreisen zu lassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.)

 

 

 

 


Mittwoch, 5. September 2012

 

ALLES HÄNGT MIT ALLEM ZUSAMMEN (das "AHMAZ-Prinzip")

Nachdem wir mit einigen Mitarbeitern und Studentinnen der Magdeburger Hochschule in Istanbul gewesen waren, um einen Austausch zwischen deutschen und türkischen MusiktherapeutInnen zu beginnen, hörte ich hinterher von der Magdeburg-Byzanz-Connection: schon Kaiser Otto II (950-983)  war mit einer osmansichen Prinzessin vermählt worden, Theophanu, die nach seinem Tod an Stelle des erst drei Jahre alten Otto III das ostfränkische Reich zusammen hielt. Nachdem wir dann von Magedburg aus die Fimaufnahmen zum "Medicus" in Elbingerode besucht hatten und einige der Stars angucken und knipsen durften (oben Stellan Skarsgard, der den ersten Bader-Lehrer der Hauptperson Rob Cole spielt), habe ich nun den Medicus noch einmal gelesen. Der Lehrer von Rob Cole in Isfahan (Persien) war Ibn Sina, eine historische Figur, auch bekannt unter dem latinisierten Namen Avicenna (980-1037)der die Medizinerschule in Isfahan leitete. Er beschäftigte sich nicht nur mit praktischer Medizin, sondern auch Philosophie, Mathem,atik, Astrologie und war ein rechter Universalgelehrter. Nicht zuletzt kümmerte er sich um die heilsame Wirkung von Musik in der Heilkunde. Diese frühen Anfänge therapeutisch orientierter Musiknutzung (aus der sich heute die moderne Musiktherapie entwickelte) nahm ihren weiteren Weg über die osmanische Musik und wurde differenziert in den Maquams: bestimmte musikalische Modi wurden in der türkischen klassischen Musik speziellen Beschwerden zugeordnet. Noch heute wird diese traditionelle orientalische Musiktherapie gelehrt und praktiziert, entspricht aber in ihrer eher traditionalistischen Einengung des Blicks nicht mehr so recht der heutigen Lebensart. Aber alles hängt mit allem zusammen: Magdeburg, Ort meines Lehrauftrags, meine Kollegin Susanne, die Professorin für Musiktherapie dort ist, der Besuch in Istanbul, Theophanu, und die alte orientalische Musiktherapie mit ihren Wurzeln bei Ibn Sina, der in dem Film eine große Rolle spielt, zu dessen Dreharbeiten in Elbingerode wir von Magdeburg aus starteten.

 

 

 


Sonntag, 26. August 2012

 

Se la forma scompare la sua radice è eterna

(Mario Mertz)

Der Blick aus den Hamburger Deichtorhallen
(während ich auf dem "Horizon Field" von A. Gormley stehe)fällt auf die City-Hof-Hochhäuser.
Die vier Hochhausriegel waren nach dem zweiten Weltkriegdie ersten neuen Hochbauten der Hansestadt.


In direkter Nachbarschaft zu den Gleisen des Hamburger Hauptbahnhofsprägen sie das Bild, das der Hamburg-Besucherbei der Annäherung an die City erhält.

 

Urspünglich war die schnörkellose Außenfassade mit weißen Keramik-Platten verkleidet.
1977 wurde dann das depressiv graue Eternit davorgesetzt. Neuerdings wird diskutiert, diese Zeitzeugen abzureißen
und was Neues (bestimmt Stahl und Glas) an die Stelle zu setzen. Hält der Denkmalschutz? Verschwindet die strenge Form?

In der Mitte des Fotos kaum zu erkennen, aber in die Fassade der Deichtorhallen integriert, die Neon-Skulptur von Mario Mertz:
Se la forma scompare la sua radice è eterna
(heißt ungefähr: wenn die Form verschwindet, wird ihr Ursprung ewig).

Die verschwundenen Keramikplatten des City-Hofs? Das Schwinden der Erdanziehung in der Leichtigkeit des "Horizon Field"?
Wenn die Form verschwindet...

Nachtrag 2019: Nach der Sanierung der Deichtorhallen ist die Neon-Skulptur von Merz jetzt besser zu sehen. Aber dafür gibt es keinen Blick mehr nach draußen. Die City-Hochhäuser sind nicht mehr zu sehen, und seit einem Jahr scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, dass sie tatsächlich abgerissen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 20. August 2012

 

Die Hühner von Altensalzkoth

 

Eine Bildreportage mit fünf Fotos
berichtet von den Dörfern Klein Amerika, Belsen und Altensalzkoth, die dicht beieinander in der südlichen Lüneburger Heide liegen.
Geschichte und Gegenwart sind merkwürdig verflochten: Verlassene Häuser,
ein KZ, Hühnerzucht und vergessene Geschichten. Alles hängt mit allem zusammen.
 

Die Hühner von Altensalzkoth(1): Klein Amerika

 



Klein Amerika liegt in der Lüneburger Heide, in der Nähe der kleinen Stadt Bergen. Von hier sind es noch 16 Kilometer bis zum Konzentrationslager Bergen-Belsen. Wer damals nur bis Klein Amerika kam, und nicht bis ins große, echte Amerika, der war damals nicht in Sicherheit. Der Bauernhof in Klein Amerika ist heute nicht mehr bewirtschaftet. Die Zimmer stehen leer, Das Tor zur Tenne ist verblichen

 

 

 

 

Die Hühner von Altensalzkoth (2): Das alte Haus in Klein Amerika

Die alten Bauern haben hier bis zuletzt gelebt. Das Bett ist noch aufgeschlagen, aber es ist eine Menge Unordnung im Schlafzimmer, das hätte es früher nicht gegeben. Hier lebt jetzt keiner mehr. Keine Schweine mehr, die Koben leer, keine Hühner.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Hühner von Altensalzkoth (3): Bergen-Belsen

Kaum ist man von Klein Amerika kommend durch das Städtchen Bergen hindurch und an dem Truppenstandort Bergen-Hohne der britischen Army vorbei, kommt man schon in das Dorf Belsen. Bergen-Belsen war von 1940 bis 1945 Konzentrationslager, hier starb Anne Frank, und über 50.000 weitere Menschen. Es war kein Vernichtungslager mit Öfen und Schornsteinen – in Bergen-Belsen wurde einfach verhungert. Viele Massengräber, einige Grabsteine und eine weite Landschaft mit Wäldern, Heideflächen und leuchtend weißen Birken können nur Ahnungen erzeugen von einem Ort des Schreckens. Manche Grabsteine sind mit Steinen, Kerzen oder wie hier mit einem Schal geschmückt, zum Gedenken.

 

 

 

Die Hühner von Altensalzkoth (4): Der Hühnerhof

Zwölf Kilometer entfernt von Bergen-Belsen liegt der Flecken Altensalzkoth. Nachdem im achtzehnten Jahrhundert hier siebzig Jahre lang Salz produziert wurde, das aus dem Torf gelöst wurde, versank der Flecken danach wieder im Dornröschenschlaf. Allenfalls im Wald konnten die Männer Arbeit finden, Holzfällerarbeit. So ging es auch dem Mann, der 1948 hier lebte, unter falschem Namen und mit falscher Identität, auf der Flucht. Als er im Forst keine Arbeit mehr bekam, züchtete er Hühner. Noch heute finde ich im Garten eines Hauses in Altensalzkoth Hühnerzucht Die Hühner haben es gut. Sie können frei laufen, picken und im Sand baden. Der Mann aus dem Jahr 1948 lockte damals, so sagt man, seine Hühner nicht wie es hier sonst üblich ist mit „tjuk, tjuk, tjuk“, sondern er pfiff nach ihnen. Und sie parierten. Er versteckte sich hier, nur elf Kilometer entfernt vom KZ Bergen-Belsen. Der Mann hieß Adolf Eichmann. Später wurde er in Israel für die Leitung der Judentransporte in die Vernichtungslager zum Tode verurteilt.

 

 

 

Die Hühner von Altensalzkoth (5): Auf den Schienen bei Altensalzkoth

Mit der Bahn ist es ein paar Kilometer weiter bis nach Bergen-Belsen als auf der Straße. Man muss einen Umweg über Beckedorf fahren. Der Wagen, der hier in Altensalzkoth auf dem Nebengeleis steht, könnte aber doch auch in zwanzig Minuten in Bergen-Belsen sein. Nach Celle sind es in die andere Richtung fünfundzwanzig Kilometer. Alles dicht beieinander. Übrigens: die Hühner sollen sich vorsehen. Nahebei, in Wietze, ein paar Dörfer weiter, entsteht der größte Geflügelschlachthof Europas. Hier werden bald 135 Millionen Hühner im Jahr getötet. Sie werden vorher nicht wie die in Altensalzkoth im Sand gebadet haben, sondern werden in Mastkäfigen wenige Wochen gemästet und dann zum zentralen Schlachthof nach Wietze transportiert. Vielleicht hätte Adolf Eichmann da Arbeit finden können, im Schlachthof von Wietze. Es hätte alles auf Pfiff geklappt.

 

(geschrieben und fotografiert August 2010)