Was bisher geschah: Blogs 2020

 

3.1.2020: Zwischenstand, 1. Kapitel: Der alte Lokschuppen (Buchholz)

17.1.2020: Zwischenstand , 2. Kapitel: Brombeerland (Buchholz)

21.1.2020: Auf der Suche nach dem verlorenen Ort (lost place)

30.1.2020: verloren+verloren=gefunden? (lost place)

24.2.2020: Ikonen - Was wir Menschen anbeten (Bremen)

1.3.2020: Die Farben des Waldes (Stuvenwald, Buchholz)

5.3.2020: Lost shelter (Buchholz)

23.3.2020: Zwischenstand, 3. Kapitel: City-Hochhäuser plattgemacht (Hamburg)

24.3.2020: Frostschutzberegnung (Buchholz)

13.4.2020: Die Achse Sandbostel-Wintermoor (Kreis Rotenburg)

22.4.2020: Hafenschleife (Hamburg)

20.5.2020: Norddeutsche Elegie (irgendwo)

9.6.2020: Gartenfarben (Buchholz)

2.7.2020: Bratwurst und Mundschutz (Erfurter Erkundungen)

4.7.2020: Die wahre Flaschenpost (Tierfriedhof Nordheide)

23.7.2020: Lüneburger Sommer

2.8.2020: Hawoli und die Seinen. (Neunkirchen / Heidekreis)

18.8.2020: Die Kunst der Zerstörung (lost place  Norddeutschland)

5.9.2020: Grenzverletzungen (lost place  Norddeutschland)

27.9.2020: Das neue Buch (Buchholz)

19.10.2020: Ende einer Ausstellung (Buchholz)

30.10.2020: Herbst an der Leine (Leinebergland)

14.11.2020: Sprünge in Himmel und Erde (Neuenkirchen / Heidekreis)

26.11.2020: Skizzen aus dem Dorf (Niedersachsen)

14.12.2020: Räumung im Wald (Nordheide)

 

 

 

Montag, 14. Dezember 2020

 

Räumung im Wald

 

In den Wäldern der Nordheide, südlich von Hamburg, entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Behelfsheime - meist Holzhäuser, die später auch als Wochen-endhaus oder zum Saison-Wohnen genutzt wurden. Baugenehmigungen existierten vielfach nicht. In den letzten Jahren waren einzelne Villen aus den kleinen Häuschen geworden und der Landkreis schritt ein. Nun gibt es Waldareale, in denen sich leerstehende Holzhäuschen und kleine Bungalows finden, die  nicht mehr bewohnt oder genutzt werden dürfen. Die Zielsetzung der öffentlichen Hand, hier kein unkontrolliertes Wachstum zuzulassen, mag man nachvollziehen. Es gibt schließlich eine BAUORDNUNG. Die leeren Häuser sind  melancholische Denkmäler einer weniger durchverwalteten Welt, in der sich mancher eigene vier Wände im Grünen leisten konnte, der nun irgendwo in einer Mietwohnung sitzt. Durch großflächige Rodungen um die Häuschen (Sturmschäden? Borkenkäfer? Verbrannte Erde?) wirkt das Ganze noch dystopischer. Viele Häuser wirken wie fluchtartig verlassen.

Donnerstag, 26. November '20

 

Skizzen aus dem Dorf

 

Zwei Häuser mitten im Dorf irgendwo im niedersächsischen stehen leer. Den Tageszeitungen zufolge, die noch herumliegen, wohl seit ungefähr zwanzig Jahren.  Manches wirkt, als sei alles etwas fluchtartig verlassen worden,  oder die zurückge-lassenen Kisten und Stapel sind nachträglich zerwühlt, es herrscht viel Chaos. Ich ver-suche, meinen Blick auf die Ästhetik zu richten, die der Verfall hat. Zum Beispiel der angelaufene und zersplitterte Spiegel, der an der Wand lehnt und organische Muster malt, die auch eine Luftaufnahme archaischer Landschaften sein könnten oder schamanistische Beschwörung. Manchmal kann ich mich nicht wirklich ent-scheiden zwischen dem foto-grafisch-ästhetischen Blick und der dokumentarischen Auf-nahme. Ist ja auch nicht wirklich wichtig oder notwendig, sich da zu entscheiden. Aber ich würde mich sicher nicht so stark zu leerstehenden Häusern hingezo-gen fühlen, wenn nicht diese ungezielt und unabsichtlich entstandenen Konturen und Strukturen allenthalben auf mich warten würden. Stillleben und abstrakte Formen wohin ich blicke. Warum spricht mich das Unabsichtliche so an? Ich bin noch nicht wirklich dahinter gekommen. Vielleicht bildet das einen wohltuenden Gegensatz zur allgegenwärtigen Intentionalität, derzufolge alles Handeln einen Sinn hat und ein Ziel verfolgt- was sicher eine verkürzte Sicht wäre, wenn dadurch alles wunderbar sinnlose und hedonistische geleugnet werden sollte. Hinzu kommt bei den leerstehenden Gebäuden natürlich das ganz zentrale Moment der Geschichte: hier hat alles gelebt, waren Menschen zuhause, haben hier gearbeitet oder gekocht oder geschlafen, gelitten und genossen. Das ganze pralle Leben, und nun wertlos und verachtet. Und wer hat hier eigentlich in die Platte mit den größten Erfolgen der Fischer-Chöre gebissen?

Sonnabend, 14. November 2020 Sprünge in Himmel und Erde

 

Über die Kunstlandschaft bei Neuenkirchen im Heidekreis habe ich hier am 2.8.2020 bereits berichtet. Jetzt haben wir uns an einem trüben Herbsttag in Corona-Zeiten wieder aufge-macht, noch ein paar Objekte zu besuchen. Nicht zuletzt wegen des Tips, das "Himmel und Erde" von Valeri Bugrov möglicher-weise nicht mehr lange zu sehen sein könnte, weil es dem Ansturm der Menschen nicht standhält. Die Spiegelfläche inmitten des durch einen Eeekenboltentun abgegrenzten Wiesenareals misst ca. 20 Meter im Durch-messer, liegt rund und flach wie ein Teich in der Heide, ist vielfach gesprungen und einige der quadratmetergroßen Spiegel-abschnitte mussten entfernt werden, weil sie kaputt waren - Verletzungsgefahr... Das Schicksal kennt dieses Kunstwerk, der Spiegel war schon wenige Jahre nach der Installation 1991 zerstört, wurde dann 2000 wieder neu aufgebaut, und nun muss wieder was passieren. Die Reste sind nach wie vor beeindruckend. Auch wenn heute nur ein trüber grauer Himmel zu spiegeln war, sind die angelaufenen Spiegelflächen spannend und sehr vielfältig gealtert. Vor einigen Jahren wurde bereits eine Skulptur von Bugrov in Harburg nach 20 Jahren spiegelnder Existenz abgebaut ("Neonstele"). Das wäre vielleicht ein Fall für den "Park für unerwünschte Skulpturen" gewesen, der ebenfalls zu der Kunst-Fahrradtour rund um Neuenkirchen gehört. "Himmel und Erde" sollte restauriert werden. Das Objekt "gehört zu Neuenkirchen", wie der Vorsitzende der Stiftung Springhornhof bereits anlässlich einer früheren Zerstörungsaktion feststellte. Trotz all dieseer Widrigkeiten - "Himmel und Erde" lohnt in jedem Fall und in welchem Zustand auch immer den Spaziergang.

Freitag, 30.Oktober 2020

Herbst an der Leine

 

 

 

Ein bedeckter Tag zwischen den Hügelketten von Hube und Heber - Niedersachsen wo es noch richtig ländlich ist (also wie fast überall in unserem Ländchen). Eine Burg, die sich noch heute rühmt, dass hier einst das "Kulturwerk Bundesweihestätte" aktiv gewesen sei (über das ansonsten wenig berichtet wird). Dörfer wie lost places. Und ein Herbst, der seine Leuchtkraft verschwendet, auch ohne dass die Sonne ihn vergoldet. "Heil, Herzog Widukinds Stamm ..." - das Niedersachsenlied sollen dem Vernehmen nach der damalige Minister-präsident McAllister und der damalige hannoveranische Bürgermeister Weil in Shanghai gesungen haben. Im Jahr 2010.

Montag, 19. Oktober 2020

Ende einer Ausstellung

 

Nach meiner Beteiligung an der Ausstellung "Les.Art der Müllerin" im Jahr 2018 war ich fest entschlossen, künftig nur so aussagestarke und energetisch aufgeladene Räumlichkeiten für Foto-Präsentationen zu nutzen wie die Kornkammer in der Holmer Mühle. Das ist nun etwas anders gekommen. Zunächst war zwar wieder eine außergewöhnliche location dran: unter Ausschluss der Öffentlichkeit hängten mein Freund Dietmar und ich ca. 30 Fotos in den verfallenen Baracken des alten Krankenhauses Wintermoor, die seit 15 Jahren leerstehen (Einzelheiten kann man in dem Buch "Scherbengalerie Wintermoor" nachlesen, siehe den post hier drunter). Das war im Herbst 2019. Aber dann fielen die geplanten Doku-Ausstellungen über diese "heimliche Ausstellung" aus, zum Teil wegen des Bildernutzungverbots durch die Stadt Schnever-dingen (keine auf dem Gelände des Krankenhauses aufgenommen Fotos dürfen öffentlich genutzt wer-den), zum Teil wegen der Corona-Einschränkungen. Nun ergab sich das Angebot, nach der Corona-Pause im Buchholzer Kunstverein eine kurze Ausstellung (an fünf Tagen) durchzuführen und zwei Lesungen meines neuen Buches damit zu verknüpfen. Insgesamt haben fast hundert Menschen die Ausstellung besucht bzw. den Lesungen zugehört. Das hat alles sehr viel Spaß gemacht - und ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dieses Mal nun eine white-cube-Umgebung zu "bespielen". Und das hat gar nicht schlecht gepasst. Die Bilder sind ja schon eine Ansammlung scharfkantiger, verletzender Scherben. Im Passepartout und schicken Rahmen an der weißen Wand sind sie sozusagen in einen feinen Anzug gezwängt, und dieser Kontext hält die geballte Aggression und Wehmut zusammen, die in den Bildern steckt. Eine Besucherin meinte, sie habe schon ein bisschen Angst vor der Ausstellung gehabt, aber sie war angetan von dem "Scherbenwunder" oder / und der "Eleganz der Zerstörung", wie sie es dann nannte. Insgesamt waren fast fünfzig Fotos gehängt, hier zeige ich eine Auswahl (einige sind auf dieser homepage schon in den letzten Monaten  zu sehen gewesen, als ich die entsprechenden Orte besucht und darüber berichtet hatte).

Sonntag, 27. September 2020

Das neue Buch

 

Was ich in den letzten anderthalb Jahren wirklich fotografiert habe, ist hier zu einem großen Teil nicht abgebildet. Ich war über einen längeren Zeitraum mehrfach in einem alten Gebäude, das mich fasziniert und in Bann geschlagen hat. Die Fotos von diesen Begegnungen darf ich nicht veröffentlichen, weil die Stadt Schneverdingen es untersagt hat und von diesem Verbot nicht abgehen will. Aber ich kann davon berichten und die Geschichte mit Bildern aus anderen alten Gebäuden, von verfallenen Mauern und eingeschlagenen Fensterscheiben illustrieren. Die Scherbenwelt habe ich in Wintermoor (Lüneburger Heide) neu kennen und respektieren gelernt, auch wenn ich schon seit Jahren immer wieder alte Gebäude besucht hatte.

 

Der Bericht ist jetzt als Buch erschienen. Die Geschichte des Ausweichkrankenhauses für die nahegelegene Metropole Hamburg (errichtet 1942) wird beschrieben, die Nutzung als Lungenheilstätte und ENDO-Klinik. Ehemalige Patienten werden  befragt, literarische Annäherungen an die (Lungen-) Klinik gestreift, und die Würdigung der alten Baracken durch eine heimliche (nicht-öffentliche) Foto-Ausstellung geschildert. Dabei entwickelt sich ein spezieller Blick auf die Scherben, die eine eigene Ästhetik und einen eigenen Schmerz zeigen. Diese Scherbenwelt kann man nicht nur in Wintermoor entdecken. Meine Bilder davon (nicht aus Wintermoor, weil verboten...) kann man im Buchholzer Kunstverein  vom 10.10. bis 18.10.2020 betrachten. Am 10./11.10, 14.10. und 17./18.10 ist die Ausstellung in der Buchholzer Kirchenstraße 6 jeweils von 15-18 Uhr geöffnet. Der Fotograf (also ich) wird an den Wochenenden anwesend sein. Die zugehörige Lesung am 14.10., bei der ich aus dem neuen Buch lesen und über die Entstehung berichten werde, ist ausgebucht (bei anhaltendem Interesse kann eine Wiederholung organisiert werden). Sie sind herzlich eingeladen, die Ausstellung zu besuchen.

 

Aktuelle Nachbemerkung (30.10.2020): Nachdem es in den letzten Wochen bei der Beschaffung durch den Buchhandel mehrfach gehakt hatte, ist der Fehler mittlerweile behoben und das Buch über den Grossisten in jeder Buchhandlung bestellbar.

 

Ingo Engelmann (2020): Scherbengalerie Wintermoor. Die verlassene Klinik in Wintermoor, eine heimliche Foto-Ausstellung und die Wiederentdeckung der Vergänglichkeit. Verlag BoD Norderstedt, 186 Seiten mit über 50 meist farbigen Fotos, 17.- €  ISBN 9783751984461

 

Sonnabend, 5. Septembert 2020

Grenzverletzungen

 

Die kleine Fabrik  schon seit über zwanzig Jahren still. Ein paar Tanks stehen noch rum, weil die nicht durch die Tür gegangen wären, und von einem großen Tresor blättert die Farbe ab. Am auffälligsten sind die vielfältig geborstenen Fenterscheiben, die zu Assoziationen locken mögen oder zu Form-Meditation. Luftballon? Bombe? Man kann mit Luftballons ja so Wasserbomben machen. Und schon geht die Assoziationskette los. In seinem Essay "Masse und Macht" weist Elias Canetti darauf hin, dass Fenster und Türen die Grenzen des Hauses markieren, und wenn sie kaputt sind, verliert das Haus seinen Schutz, seine Eigenart. Es beherbergt oder behütet nicht mehr. Allerdings kann man auch im Scherben-Design viel Besonderes und Einzigartiges entdecken, da folge ich Canetti nicht so ganz.

Dienstag, 18. August 2020

Die Kunst der Zerstörung

 

Das Gebäude ist ursprünglich aus dem Jahr 1913, wurde dann erweitert und in den tiefsten sechziger Jahren um einige Anbauten ergänzt. Kinder wurden zur Erholung hierher geschickt. Es ist bergig und waldig, und die Brombeeren ranken mittler-weile flächendeckend.

 

Seit zwanzig Jahren steht das Gebäude nun leer, wurde wohl besenrein hinterlassen und dann von aktiven Besuchern heimgesucht. Einige brachten ihre Spraydosen mit und versuchten sich mehr oder weniger künstlerisch, im Bewusst-sein ihres alternativen Kunstverständnisses. Einige waren eher aggressiv als kreativ und zerschmissen die Fensterscheiben und Toilettenschüsseln. Beides ist bei näherer Betrachtung kein Gegensatz. Die Scherben sind genauso wert beachtet zu werden wie die Graffiti. Ohne beide Kunstformen wäre das Ganze nur ein verfallendes Haus. So ist es eine Galerie der gewollten und ungewollten Schöpfungen, geöffnet täglich rund um die Uhr. Keine Alltagsmaske erforderlich.

Manchmal begegnen sich die Genres - Sprayer und Zertrümmerer arbeiten am selben Objekt (wie beim Spiegel oben rechts, oder bei manchen offenstehenden Fenstern). Auch das Titelfoto zeigt eine Begegnung von Scherbe und Farbe. Manchmal stehen die Künste einfach nebeneinander, wie bei den meisten untenstehenden Graffiti. Aber irgendwie gehört doch alles zusammen.

Sonntag, 2. August 2020

Hawoli und die Seinen - Fahrradtour in Kunstlandschaft

 

Seit Jahrzehnten entsteht im Springhornhof (Neunkirchen, Heide-kreis) Kunst und wird dort in Ausstellungen, im Garten und auf dem Kunstlandschafts - Rundweg gezeigt. Hawoli wohnt dort seit 1973, und  seine Skulpturen prägen den Ort: tonnenschwere Findlinge und massive Eisen-Armierungen fügen sich zu einem massiv-massig-regel-mäßigen Ensemble. In der Feldmark und den Weilern der Umgebung kommen die Werke vieler anderer hinzu, die den Platz für ihr Kunstwerk selbst gesucht und bestimmt haben. Und dort wurde es dann auch vom Kunstverein Springhornhof aufgestellt und steht dort, seit achtunddreißig Jahren oder seit fünfzehn Jahren, das neueste ist seit 2019 zu sehen. Die Objekte sind dauerhaft, man wird sie noch lange besuchen können. Die wunderbar blühende und kraftvolle Landschaft im niedersächsischen Heide-Sommer umgibt die Kunst verständnisvoll und kongenial. Manchmal würde man ihr wünschen, sie dürfte das Objekt noch vertrauter einspinnen, aber man will ja auch was sehen, also ist gemäht. Besonders gefesselt haben mich die Objekte von Horst Hellinger, die in geometrischen Formen aus Eisen mit leuchtenden Farben und beginnendem Rost locken.  Eins steht im Birkenwald, eins im "Park für unerwünschte Skulpturen", einem verzauberten Jahrmarkts-Areal zwischen weißen Staketen-Zäunen in Tewel. Die gleiche Farbe wie die Hellinger-Ikonen hat das Pendel von Igael Tumarkins "Gleichtag".

Im "Park für unerwünschte Skulpturen" steht auch ein kleiner Wald aus alten DDR-Straßenleuchten wie ein Trupp Hatifnatten aus den Mumin-Büchern von Tove Jansson, fremd und unansprechbar, tendenziell eher feindlich, oder doch zumindest unerklärlich. Und die Tierwelt ist auch dabei. Kühe mischen sich lautstark mit ihrem Muhen  in Hawolis Erläuterungen zu seiner Skulptur "Gegen-Steine" ein. Die Ziege posiert vor Rudolf Wachters "Raumknoten". Und immer wieder Hawoli, der einen Traum in der Heide realisiert hat. Warum hab ich das erst jetzt entdeckt? Direkt vor dem Springhornhof biegt man rechts ein in den Garten von Hawoli - auf keinen Fall verpassen. Man möchte am liebsten "bleiben" (s.u.). Aber "bleiben" ist eine Skulptur von Rupprecht Matthies, die um die Ecke in der Feldmark steht. Wenn schon nicht bleiben, dann doch auf jeden Fall wiederkehren.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Lüneburger Sommer

 

Wenn man schon keine Lust hat, mit Mundschutz und Desinfektionsspen-der in Urlaub zu fahren,  kann man sich ja mal in der Nachbarschaft umgucken (ohne dass einem das Mundschutz und Desinfektionsspender ersparen wür-de). Inzwischen weiß ich ja aus verschiedenen Episoden, dass man beim zehnten Mal etwas Anderes sieht als beim ersten und dritten Mal. Vom Wasserturm aus habe ich vor zehn Jahren nur einen sehr nebligen Blick auf die Altstadt tun können. Heute meinte die Sonne es gut mit uns, aber den Fotografen freut das nicht nur - kein Fotolicht, eigentlich... aber ein paar Blicke vom Turm sind hier zu sehen, ein paar Blicke in den blau eingefärbten alten Wassertank (Wasser - blau, got it?), die Ratswasserkunst um die Ecke, und die immer wieder bezaubernden Giebelhäuser Am Sand (ist wie mit den Mohnblüten im Mai, man kommt nicht dran vorbei, sie immer wieder zu fotografieren). Lüneburg lohnt sich. Den Slogan könnte mir die Lüneburg-Touristik eigentlich abkaufen. Hier stelle ich ihn kostenfrei zur Verfügung.

Sonnabend, 4. Juli 2020

Die wahre Flaschenpost

 

Vor anderthalb Jahren war ich schon einmal auf dem Tierfriedhof ein paar Dörfer weiter gewesen (post vom 30.1.2019).  Seitdem sind die Gräber noch weiter zugewachsen, nur zwei, drei sind kürzlich von Laub und Kraut befreit und weisen auf Erinnerung. Der Rest ist Ver-gessen. Das Ziel der modernen Musik um Schönberg sei, schrieb 1948 Theodor W. Adorno, sei "das absolute Vergessensein", und nennt das "die wahre Flaschenpost". Etwas wird verstaut und verschlossen und ins Meer geworfen. Irgendwann wird die Post vielleicht gefunden, geöffnet und verstanden. Vielleicht auch nicht. Die Ahnung davon, die unscharfe Wahrnehmung, die Scherbenspiegelung eines Ausschnitts nennt Alexander Kluge in Fortschreibung des Adornoschen Begriffs "Flaschenecho". Die Lieblinge auf dem Hundefriedhof haben hier so etwas von Flaschenpost, von Flaschenecho. Das knallrote Windrad im Gebüsch verrät etwas von fröhlichen Spielen. Benny, Tyron, Minke und Quira scheinen nur vergessen. Die Flaschenpost ist noch nicht untergegangen.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Bratwurst und Mundschutz - Erfurter Erkundungen

 

Das Marionettentheater hat noch bis Ende August zu, schade. Das Dom-Stufen-Openair hat am 7.7. Premiere, dann sind wir schon wieder weg. So bleibt uns das Schönste aus Oper und Musical vorenthalten. Unsere kulturelle Teilhabe beschränkt sich dieses Jahr auf die obligatorische Bratwurst auif dem Domplatz und einen hervoragenden Cafe Americano im Epitomi Café - das heißt soviel wie "Inbegriff" und ist von bemerkenswertem Selbstbewusstsein  getragen. Und natürlich ein Eis beim Goldhelm Eiskrämer, einem der besten Eis-Dealer Deutschlands (sagt "gourmet"), Pistazie und Salzkaramell.

Den nachhaltigsten Eindruck hat die alte Synagoge auf uns gemacht. Drinnen keine Fotos - leider (Außenmauer mittlere Zeile rechts). Aber dringender Ratschlag, beim Erfurt-Trip nicht zu übersehen, dass die Stadt eine lange Geschichte mit der jüdischen Gemeinde hat, mit  gegenseitigen Einflüssen und einseitigen Verfolgungen, erstes Pogrom schon 1349, und ein hier heute ausgestellter Schatz aus den Habseligkeiten, die damals in letzter Sekunde vergraben worden waren, Gold, Silber, Schmuck. Sehr beklemmend. Das alte Gebäude hat uns beeindruckt, vor hundert Jahren wurde es als Tanzhaus genutzt. Das zur jüdischen Gemeinde gehörende Badehaus ("Mikwe") wurde erst vor wenigen Jahren bei Bauarbeiten entdeckt, es ist ein paar Häuser weiter. Ein ziemliches Hin und Her, mit Erfurt und seiner jüdischen Mitbürgerschaft.

 

Dienstag, 9.6.2020

Gartenfarben

 

Wenn alles zu sehr nervt, wenn die Welt wieder in allen Fugen kracht und ächzt, wenn sogar meine Rettungsphantasien diesbezüglich kleinmütig vor sich hin schwächeln, und wenn dann wieder mal gerade grün expodierende Mai war, gehe ich in den Garten und fotografiere Blüten und Blumen und Grün. Jedes Jahr denke ich, den Mohn brauche ich dieses Mal nun nicht noch einmal zu knipsen, aber dann komme ich doch nicht daran vorbei, dieses Rot ist unwiderstehlich und die schwarze Maserung am Blütenboden zu stylish. Der Fingerhut tut, als wenn er kein Wässerchen trüben könnte, dabei war er schon 2007 "Giftpflanze des Jahres", der kann doch mir nichts vormachen! Das Wollgras ist nach mehrjähriger Abstinenz auch wieder da, die schwarzäugige Susanne versuchen wir mal wieder zum Ranken zu bringen, und auch der Wasserschachtelhalm weiß mit seinem zarten Köpfchen über der Teichoberfläche seinen Charme ins Licht zu rücken. Ansonsten nervt da ja eher auch nur.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Norddeutsche Elegie

 

Seit Jahren leer, bis auf ein paar Rohre, ein paar Eisenplatten, so kann es gehen, wenn man 1951 das Licht der Welt erblickt hat (ja, wir sind vom selben Jahrgang, die Fabrik und ich). Allerdings habe ich sogar noch etwas länger gearbeitet  als dieser Betrieb. Und ich bin ganz froh, dass die Schutzschicht bei mir noch nicht ganz so abblättert (s. unten, Sanitärbereich). Die Halle hatte was von einem Industriepalast, alter Adel, ein bisschen verrostet wie dieser ganze Adel ja überall, ich kam mir jedenfalls vor wie ein kleiner Arbeiter, Blaumann, dienstbarer Geist, leicht verölt, und war froh, als ich ohne Anschiss von oben wieder raus war. Der Meckerkasten vom Betriebsrat hing noch an der Wand, sah aber nicht so aus, als wenn er regelmäßig geleert würde, da wäre ich mit eventuellen Beschwerden nicht weit gekommen.

 Mittwoch, 22. April 2020

Hafenschleife

 

Mit dem Fahrrad von der alten Elbbrücke zwischen Harburg und Wilhelmsburg über die Insel zum Alten Elbtunnel, über die Hafencity und Veddel zurück nach Wilhelmsburg. Eine sonnige Tour, bei der uns von allen Seiten immer wieder die Elphi ins Auge fällt. Kreuzfahrtschiffe in weiß, versteckt,  Muster an  der Überseebrücke und in der Hafencity. Gegen Ende die Ausgrabungen alter Fundamente am Baakenhafen, neben der neuen U-Bahn-Station. Schöne Stadt. Naja, Hamburch eben.

Eine kleine Serie von Schiffsgrafiken (Rickmer Rickmers) in den Farben Italiens und bei ebensolcher Sonne rundet das Bild ab.

Montag, 13. April 2020

Die Achse Sandbostel-Wintermoor

 

 

Vor zehn Jahren bin ich zum ersten Mal in Sandbostel gewesen. Der Flecken liegt bei Zeven und die Nazis hatten dort ein Stalag errichtet, ein Arbeitslager. Die Zwangs-arbeiter aus Sandbostel wurden in ganz Norddeutschland eingesetzt b- zum Beispiel auch bei uns in der Nach-barschaft, als in Wintermoor 1942 ein Ausweichkrankenhaus gebaut wurde. Wie in Wintermoor sind auch anderswo viele gestorben, unterernährt, geschunden. Nach dem Krieg war dort ein Lager für kriegsgefangene Offiziere, und als es kein Gefängnis mehr war, lebten dort jugendliche DDR-Flüchtlinge. Später wurde das Gelände zum Gewerbegebiet, ein Militaria-Händler stapete dort Helme und Uniformen. Das passte. Seit zwanzig Jahren kümmert sich eine engagierte Gruppe von Lehrern und Heimatkundlern darum, die Baracken als Gedenkstätte zu sichern und zu erhalten. Mittlerweile ist das gelungen, eine Stiftung entwickelt die Ausstellung über das Stalag weiter und pflegt das Gelände. Die Baracken entsprechen dem Typ, den man kennt - aus KZs, aus Kasernen, aus Lazaretten. Die Organisation Todt hatte da wohl einen Standard-Bauplan. Einige Bauten waren auch gemauert, als Ruinen sind sie heute zugänglich. Wie beim ersten Mal war ich auch jetzt, vor wenigen Wochen, allein auf dem Gelände. Wie beim ersten Mal bellten pausenlos Hunde, die auf dem Gnadenhof "Rasselbande" in einer ehemaligen Stalag-Baracke untergebracht sind.

Nachdem ich 2010 das Gelände erkundet hatte, waren mir nach und nach Erinnerungsfetzen hochgewirbelt: Ich kannte das dort, ich war da schon mal gewesen. Als kleiner Junge hatte ich mit meinen Eltern einen Freund der Familie besucht, der Jugendliche betreute. Er war ein ausgeprägter Typ, fuhr schon Mitte der fünfziger Jahre einen Buckel-Volvo und beschäftigte sich mit politischen Theorien vorwiegend linker Ausrichtung. Ich erinnerte mich dunkel an Holzbaracken und fand im Internet die Bestätigung, dass Schorch (so wurde der Freund genannt) das Heim für jugendliche DDR-Flüchtlinge in den fünfziger Jahren geleitet hatte. Und ihn hatten wir mit der Familie ungefähr 1957, 58 in Sandbostel besucht

Jetzt wollte ich zehn Jahre später beim zweiten Besuch meinen Eindruck überprüfen: Ein Traum-Szenario, unklar ob Albtraum oder nur fremd, im Spannungsfeld zwischen Verfall und Mahnung.

Und seit meinen Wintermoor-Erkundungen mein Foto-Thema Nummer eins: Scherben. Zerbrochene Fenster, gesplitterte Scheiben, die Ästhetik des Alterns. Sandbostel war nicht nur durch die von dort entsendeten Zwangsarbeiter verknüpft mit Wintermoor, durch die Baracken und die Nazi-Wurzeln, sondern auch durch das Alter und die Scherben.

Dienstag, 24. März 2020

Fostschutzberegnung

 

In unseren Breiten eine seltene Erschei-nung: Mitten im Frühjahrswald steht eine Baumschulenpflanzung, die bei strahlen-dem Sonnenschein und Temperaturen von 5 Grad um 11 Uhr vormittags vereist ist. Drumherum ist alles trocken. Das Ziel ist Frostschutz, weil bei Besprühen der Zweige Verdunstungswärme entsteht, die die Blätter und Blüten vor dem Erfrieren bewahrt. Soll tatsächlich funktionieren. Gibts aber eher in Obstanbaugegenden als normalerweise bei uns mitten im Stuvenwald. Und weil die an der Grenze stehenden Bäume gleich mit vereist werden, gibt es schicke Eiszapfen - und es tropft einem immer in den Nacken. Unten um die Bäumchen ist es dann eine einzige Pfütze, man muss mit Wurzelfäule rechnen und gerät wo-möglich vom Regen in die Traufe oder vom Eis in die Fäule.  Vor lauter Eis kann man gar nicht erkennen, was für Bäumchen sich darunter verbergen.

Montag, 23. März 2020

Zwischenstand (3. Kapitel):

City-Hochhäuser plattgemacht

 

Ich hab es immer zugegeben: Ich mochte die City-Hochhäuser. Sie hatten den spröden Charme der frühen sechziger Jahre, auch wenn sie nicht mehr so aussahen wie zu Beginn (sie hatten ursprünglich fast weiße Fassaden gehabt, ehe in den siebzigern Zementfaserplatten installiert wurden). So wie die Klinkerwohnblocks der Veddel den Autofahrer am Ende der A 255 kurz vor den Elbbrücken begrüßen, so standen die City-Hochhäuser Spalier, wenn man sich der Innenstadt näherte. Sie waren sowas von anders als das angrenzende Kontorviertel, das eine Verwechslung völlig ausgeschlossen war - und trotzdem schlossen sie auch optisch an das Chilehaus an, ließen auch mal einen Blick auf den Sprinkenhof frei, passgenau (letzte Zeile unten).  Dann wurde unter offensiver Mitwirkung des damaligen Senators Tschentscher  der Denkmalsschutz ausgehebelt und der Architektenwettbewerb passend gemacht und der Abriss beschlossen. Vielleicht tanzten die Häuser nicht genug, vielleicht waren sie nicht ausreichend bling-bling, vielleicht war einfach die Geschossflächenzahl für die 1A-Lage nicht genügend ausgereizt, ist ja auch völlig egal, weg sind sie. Hier die letzten Bilder, als dreiviertel des Komplexes schon weg war. Bonus: der Blick vor acht Jahren und vor einem Jahr.

Donnerstag, 5. März 2020

Lost shelter

 

Die kleinen Rückzugsorte

mit den gesplitterten Fenstern

überall gibt es sie

man muss es nur wissen

wenn man Schutz sucht

da steht auch ein Topf

das Holz liegt neben dem Ofen

roll deinen Schlafsack aus

und wenn es draußen dämmert

schließ die Fensterläden

so dicht es geht

dann wird dir nichts geschehen

es ist ein Rückzugsort.

Sonntag, 1. März 2020

Die Farben des Waldes

 

Auf der Suche nach den Wildkatzen (hier gibt es wohl doch keine) im Stuvenwald unterwegs. Letzte Woche hatte es zweieinhalb Stunden lang geregnet bzw. zwischendurch geschüttet, heute war es trocken. Den Guss gab es erst, als wir wieder zuhause waren. Nebenbei habe ich mich mit den Farben des Waldes beschäftigt - den Pflanzenfarben, den Sprayfarben der Waldarbeiter, und mit ein paar von mehreren tausend Grüntönen. Ganz schön bunt hier, auch im März, und trübes Wetter bringt das Moos zum Leuchten.

Montag, 24. Februar 2020

Ikonen - Was wir Menschen anbeten

 

Die Ausstellung in der Bremer Kunsthalle zeigt sechzig Werke der Weltkunst, die mit dem Thema ikonischer "Aspekte von Spiritualität, Andacht und Anbetung" (Begleitheft) zu tun haben. Bekannte Künstler wie Warhol, Kandinsky und Mondrian stehen neben YouTube-Stars und Instagram-Influencern. Nicht alle Auswahlentscheidungen leuchten unmittelbar ein, und nicht alles weist einen direkt erkennbaren Bezug zum Generalthema auf. Aber es ist immer wieder eine spannende Begegnung mit vertrauten Abbildern und abrufbaren Bedeutungen, die bestimmte Formen und Figuren auslösen. Klänge, Gerüche und Gestaltungen können Markenzeichen werden, wenn sie von der Werbung so entwickelt werden - oder wenn sie von Künstlern dazu stilisiert werden. "Marylin" von Warhol gehört ebenso dazu wie die Luftballontiere von Jeff Koons oder die Bling-Bling-Werke von Damien Hirst.

 

Manchmal ist es vielleicht eher der Künstler, der das Ikonische verkörpert, als das konkret ausgestellte Werk. Beuys' Konzertflügeljom beispielsweise  weist als  Skulptur weniger ikonische Qualität auf als der Künstler selbst, der durch den Filzhut seine Person zum Teil des Werkes macht. Das streng abstrakt-geometrische Werke Mondrians hat wie das Schwarze Quadrat von Malewitsch einen festen Platz in der Kunstgeschichte - ob und wie es in den Kanon der Kunst gehört, den "wir Menschen anbeten", kann vielleicht nur jeder für sich selbst beantworten.  Und natürlich stößt man auch allerorten immer wieder auf die Frage nach der Möglichkeit / Unmöglichkeit, Werk und Künstler zu trennen. Manches wirkte für mich eher wie ein guter Einfall als wie große Kunst, manches fand ich überflüssig, aber was sagt das schon. Die Flügel-Installation von Beuys, die überraschende Licht-Installation über drei Stockwerke von James Turrell (die allerdings vielleicht eher zur Ausstellung zählte, weil man sie aus den Räumen einfach nicht rauskriegte), auch "Evergreens" wie das Fountain-Urinal von Duchamp oder eine mir unbekannte, beeindruckende Video-Arbeit von Bill Viola bleiben in der Erinnerung, die Zugeständnisse an die Pop-"Ikonen" bleiben blass. Großartig ist die Entscheidung, jedem Werk einen eigenen und farblich kongenial gestalteten Raum zuzugestehen. Leider ist es nicht gelungen, immer nur einen Besucher zur Zeit in den Raum zu lassen...es ist voll an diesem Sonnabend.

Künstler: James Lee Byars (Einübung in den Tod), Kehinde Wiley (Malak Lunsford- der Künstler portraitierte auch Barack Obama für die Präsidentengalerie), Katharina Fritsch (Maria von Lourdes), Isa Genzke ("Nofretete - Das Original"), zweite Zeile: Blicke in die Lichtinstallation von James Turrell ("Above - Between - Below"); dritte Zeile: Duchamp, Jeff Koons, Pinwand; vierte Zeile: Constantin Brancusi, zwei Ausschnitte aus Beuys' "Konzertflügeljom"; fünfte Zeile: Allan McCollums "Zeichen der Abwesenheit" (Begleitheft), zweimal Hirsts "Liberation" aus Schmetterlingsflügeln (Befreiung?); letzte Zeile: Altar von Niki de Saint Phalle (Ausschnitt), Katharina Sieverdings Gold-Selfie.

 

 

 

Donnerstag, 30. Januar 2020

verloren + verloren = gefunden?

 

 

Dies ist der zweite Teil einer neuen Serie. Alte Bilder im noch älteren Kontext - die Bilder im schwarzen Rahmen sind irgendwo zwischen Buchholz und Apulien entstanden. Die Umgebung, Häuser, Schuppen, in der die Bilder jetzt stehen,  ist irgendwie auch ganz schön alt (geworden), aber hier bei uns in der Nordheide. Und aktuell, diese Serie ist ganz frisch. Gestorben wird immer, das gilt auch für Gebäude. Man kann das nur in beschränktem Maß aufhalten, ewiges Leben gibt es nur in bestimmten Religionen, und man sagt ja, unsere Zeit werde immer kurz- oder schnelllebiger.  Wenn ich weiter assoziiere, komme ich bald zu deutschen Sprüchen, die unselige Verknüpfungen mit sich bringen. "Wenn alles in Scherben fällt..." - das stammt aus dem Lied der Deutschen Arbeitsfront, war ein Nazi-Hit sondergleichen und gemahnt daran, wie nahe wir immer wieder in unserer Geschichte an und in der Zerstörung gelebt haben und leben. Scherben. Alltäglich und furchtbar, alles in einem. Diese Zwiespältigkeit spüre ich in meiner aktuellen Serie, und das ist intensiv, aber auch schrecklich. "Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich." Rilke, Duineser Elegien. Und Proust habe ich mitlerweile auch angefangen, Hörbuch, moderne Literaturrezeption. Und ich knipse weiter.

Dienstag, 21. Januar 2020

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Ort

 

 

Mit Fotos von lost places zu verlorenen Orten gehen und beide dort miteinander ins Verhältnis zu setzen - eine neue Serie. Ich glaube, als nächstes muss ich jetzt doch mal Marcel Proust lesen, A la recherche du temps perdu, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, hat sieben Bände, oha... aber passt irgendwie, sieben Bände, sieben Bilder.  In einer Besprechung hat der Journalist Hanjo Kesting vor einigen Jahren dazu geschrieben, ein-drucksvoll sei bei Proust "die Kunst, die Realität durch ihre genaue Beschreibung gleichsam aufzulösen und sie gleichzeitig im Prozess der Erinnerung zurückzugewinnen". Das passt, finde ich, zu meiner neuen Serie. Verschiedene Räume, aber immer dieselben Fotos. Was bleibt von dem Raum, was vom gerahmten Foto? Was im Prozess der Erinnerung ist neugewonnene Realität? Es kann einem schon mal ein bisschen schwindlig werden. Dann tut der Rahmen gut.

Freitag, 3. Januar 2020

Zwischenstand, 1. Kapitel : Der alte Lokschuppen

 

Regelmäßig gucke ich alle ein, zwei Jahre beim alten Lokschuppen in Buchholz vorbei (z.B. BilderBlog 7.5.2015 / 29.3.2016). Bis vor drei Jahren gehörte noch das alte Eisenbahnerhaus nebenan dazu, in dem die Buchholzer Jugend das Sprayen geübt hatte. Als es abgerissen wurde, fürchtete ich um den Lokschuppen - aber er ist eines der wenigen denkmalsgeschützten Objekte in Buchholz, und er blieb daher stehen. Nun kommt Bewegung in das Ambiente, der Lokschuppen ist geräumt und vorbereitet auf Sanierung und Ausbau - wohl für Lofts und Eigentumswohnungen. Es gäbe schickere Verwendungszwecke, aber keiner will das bezahlen, also kommen Investoren zum Zug, die eher die Rendite als den schönen Bau im Auge haben. Aber so ist es nun  mal.