Was bisher geschah: Blogs 2020

 

3.1.2020: Zwischenstand, 1. Kapitel: Der alte Lokschuppen (Buchholz)

17.1.2020: Zwischenstand , 2. Kapitel: Brombeerland (Buchholz)

21.1.2020: Auf der Suche nach dem verlorenen Ort (lost place)

30.1.2020: verloren+verloren=gefunden? (lost place)

24.2.2020: Ikonen - Was wir Menschen anbeten (Bremen)

1.3.2020: Die Farben des Waldes (Stuvenwald, Buchholz)

5.3.2020: Lost shelter (Buchholz)

23.3.2020: Zwischenstand, 3. Kapitel: City-Hochhäuser plattgemacht (Hamburg)

24.3.2020: Frostschutzberegnung (Buchholz)

13.4.2020: Die Achse Sandbostel-Wintermoor (Kreis Rotenburg)

22.4.2020: Hafenschleife (Hamburg)

20.5.2020: Norddeutsche Elegie (irgendwo)

9.6.2020: Gartenfarben (Buchholz)

2.7.2020: Bratwurst und Mundschautz (Erfurter Erkundungen)

4.7.2020: Die wahre Flaschenpost (Tierfriedhof Nordheide)

23.7.2020: Lüneburger Sommer

2.8.2020: Hawoli und die Seinen. (Neunkirchen, Heidekreis)

 

 

 

Sonntag, 2. August 2020

Hawoli und die Seinen - Fahrradtour in Kunstlandschaft

 

Seit Jahrzehnten entsteht im Springhornhof (Neunkirchen, Heide-kreis) Kunst und wird dort in Ausstellungen, im Garten und auf dem Kunstlandschafts - Rundweg gezeigt. Hawoli wohnt dort seit 1973, und  seine Skulpturen prägen den Ort: tonnenschwere Findlinge und massive Eisen-Armierungen fügen sich zu einem massiv-massig-regel-mäßigen Ensemble. In der Feldmark und den Weilern der Umgebung kommen die Werke vieler anderer hinzu, die den Platz für ihr Kunstwerk selbst gesucht und bestimmt haben. Und dort wurde es dann auch vom Kunstverein Springhornhof aufgestellt und steht dort, seit achtunddreißig Jahren oder seit fünfzehn Jahren, das neueste ist seit 2019 zu sehen. Die Objekte sind dauerhaft, man wird sie noch lange besuchen können. Die wunderbar blühende und kraftvolle Landschaft im niedersächsischen Heide-Sommer umgibt die Kunst verständnisvoll und kongenial. Manchmal würde man ihr wünschen, sie dürfte das Objekt noch vertrauter einspinnen, aber man will ja auch was sehen, also ist gemäht. Besonders gefesselt haben mich die Objekte von Horst Hellinger, die in geometrischen Formen aus Eisen mit leuchtenden Farben und beginnendem Rost locken.  Eins steht im Birkenwald, eins im "Park für unerwünschte Skulpturen", einem verzauberten Jahrmarkts-Areal zwischen weißen Staketen-Zäunen in Tewel. Die gleiche Farbe hat das Pendel von Igael Tumarkins "Gleichtag".

Im "Park für unerwünschte Skulpturen" steht auch ein kleiner Wald aus alten DDR-Straßenleuchten wie ein Trupp Hatifnatten aus den Mumin-Büchern von Tove Jansson, fremd und unansprechbar, tendenziell eher feindlich, oder doch zumindest unerklärlich. Und die Tierwelt ist auch dabei. Kühe mischen sich lautstark mit ihrem Muhen  in Hawolis Erläuterungen zu seiner Skulptur "Gegen-Steine" ein. Die Ziege posiert vor Rudolf Wachters "Raumknoten". Und immer wieder Hawoli, der einen Traum in der Heide realisiert hat. Warum hab ich das erst jetzt entdeckt? Direkt vor dem Springhornhof biegt man rechts ein in den Garten von Hawoli - auf keinen Fall verpassen. Man möchte am liebsten "bleiben" (s.u.). Aber "bleiben" ist eine Skulptur von Rupprecht Matthies, die um die Ecke in der Feldmark steht. Wenn schon nicht bleiben, dann doch auf jeden Fall wiederkehren.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Lüneburger Sommer

 

Wenn man schon keine Lust hat, mit Mundschutz und Desinfektionsspen-der in Urlaub zu fahren,  kann man sich ja mal in der Nachbarschaft umgucken (ohne dass einem das Mundschutz und Desinfektionsspender ersparen wür-de). Inzwischen weiß ich ja aus verschiedenen Episoden, dass man beim zehnten Mal etwas Anderes sieht als beim ersten und dritten Mal. Vom Wasserturm aus habe ich vor zehn Jahren nur einen sehr nebligen Blick auf die Altstadt tun können. Heute meinte die Sonne es gut mit uns, aber den Fotografen freut das nicht nur - kein Fotolicht, eigentlich... aber ein paar Blicke vom Turm sind hier zu sehen, ein paar Blicke in den blau eingefärbten alten Wassertank (Wasser - blau, got it?), die Ratswasserkunst um die Ecke, und die immer wieder bezaubernden Giebelhäuser Am Sand (ist wie mit den Mohnblüten im Mai, man kommt nicht dran vorbei, sie immer wieder zu fotografieren). Lüneburg lohnt sich. Den Slogan könnte mir die Lüneburg-Touristik eigentlich abkaufen. Hier stelle ich ihn kostenfrei zur Verfügung.

Sonnabend, 4. Juli 2020

Die wahre Flaschenpost

 

Vor anderthalb Jahren war ich schon einmal auf dem Tierfriedhof ein paar Dörfer weiter gewesen (post vom 30.1.2019).  Seitdem sind die Gräber noch weiter zugewachsen, nur zwei, drei sind kürzlich von Laub und Kraut befreit und weisen auf Erinnerung. Der Rest ist Ver-gessen. Das Ziel der modernen Musik um Schönberg sei, schrieb 1948 Theodor W. Adorno, sei "das absolute Vergessensein", und nennt das "die wahre Flaschenpost". Etwas wird verstaut und verschlossen und ins Meer geworfen. Irgendwann wird die Post vielleicht gefunden, geöffnet und verstanden. Vielleicht auch nicht. Die Ahnung davon, die unscharfe Wahrnehmung, die Scherbenspiegelung eines Ausschnitts nennt Alexander Kluge in Fortschreibung des Adornoschen Begriffs "Flaschenecho". Die Lieblinge auf dem Hundefriedhof haben hier so etwas von Flaschenpost, von Flaschenecho. Das knallrote Windrad im Gebüsch verrät etwas von fröhlichen Spielen. Benny, Tyron, Minke und Quira scheinen nur vergessen. Die Flaschenpost ist noch nicht untergegangen.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Bratwurst und Mundschutz - Erfurter Erkundungen

 

Das Marionettentheater hat noch bis Ende August zu, schade. Das Dom-Stufen-Openair hat am 7.7. Premiere, dann sind wir schon wieder weg. So bleibt uns das Schönste aus Oper und Musical vorenthalten. Unsere kulturelle Teilhabe beschränkt sich dieses Jahr auf die obligatorische Bratwurst auif dem Domplatz und einen hervoragenden Cafe Americano im Epitomi Café - das heißt soviel wie "Inbegriff" und ist von bemerkenswertem Selbstbewusstsein  getragen. Und natürlich ein Eis beim Goldhelm Eiskrämer, einem der besten Eis-Dealer Deutschlands (sagt "gourmet"), Pistazie und Salzkaramell.

Den nachhaltigsten Eindruck hat die alte Synagoge auf uns gemacht. Drinnen keine Fotos - leider (Außenmauer mittlere Zeile rechts). Aber dringender Ratschlag, beim Erfurt-Trip nicht zu übersehen, dass die Stadt eine lange Geschichte mit der jüdischen Gemeinde hat, mit  gegenseitigen Einflüssen und einseitigen Verfolgungen, erstes Pogrom schon 1349, und ein hier heute ausgestellter Schatz aus den Habseligkeiten, die damals in letzter Sekunde vergraben worden waren, Gold, Silber, Schmuck. Sehr beklemmend. Das alte Gebäude hat uns beeindruckt, vor hundert Jahren wurde es als Tanzhaus genutzt. Das zur jüdischen Gemeinde gehörende Badehaus ("Mikwe") wurde erst vor wenigen Jahren bei Bauarbeiten entdeckt, es ist ein paar Häuser weiter. Ein ziemliches Hin und Her, mit Erfurt und seiner jüdischen Mitbürgerschaft.

 

Dienstag, 9.6.2020

Gartenfarben

 

Wenn alles zu sehr nervt, wenn die Welt wieder in allen Fugen kracht und ächzt, wenn sogar meine Rettungsphantasien diesbezüglich kleinmütig vor sich hin schwächeln, und wenn dann wieder mal gerade grün expodierende Mai war, gehe ich in den Garten und fotografiere Blüten und Blumen und Grün. Jedes Jahr denke ich, den Mohn brauche ich dieses Mal nun nicht noch einmal zu knipsen, aber dann komme ich doch nicht daran vorbei, dieses Rot ist unwiderstehlich und die schwarze Maserung am Blütenboden zu stylish. Der Fingerhut tut, als wenn er kein Wässerchen trüben könnte, dabei war er schon 2007 "Giftpflanze des Jahres", der kann doch mir nichts vormachen! Das Wollgras ist nach mehrjähriger Abstinenz auch wieder da, die schwarzäugige Susanne versuchen wir mal wieder zum Ranken zu bringen, und auch der Wasserschachtelhalm weiß mit seinem zarten Köpfchen über der Teichoberfläche seinen Charme ins Licht zu rücken. Ansonsten nervt da ja eher auch nur.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Norddeutsche Elegie

 

Seit Jahren leer, bis auf ein paar Rohre, ein paar Eisenplatten, so kann es gehen, wenn man 1951 das Licht der Welt erblickt hat (ja, wir sind vom selben Jahrgang, die Fabrik und ich). Allerdings habe ich sogar noch etwas länger gearbeitet  als dieser Betrieb. Und ich bin ganz froh, dass die Schutzschicht bei mir noch nicht ganz so abblättert (s. unten, Sanitärbereich). Die Halle hatte was von einem Industriepalast, alter Adel, ein bisschen verrostet wie dieser ganze Adel ja überall, ich kam mir jedenfalls vor wie ein kleiner Arbeiter, Blaumann, dienstbarer Geist, leicht verölt, und war froh, als ich ohne Anschiss von oben wieder raus war. Der Meckerkasten vom Betriebsrat hing noch an der Wand, sah aber nicht so aus, als wenn er regelmäßig geleert würde, da wäre ich mit eventuellen Beschwerden nicht weit gekommen.

 Mittwoch, 22. April 2020

Hafenschleife

 

Mit dem Fahrrad von der alten Elbbrücke zwischen Harburg und Wilhelmsburg über die Insel zum Alten Elbtunnel, über die Hafencity und Veddel zurück nach Wilhelmsburg. Eine sonnige Tour, bei der uns von allen Seiten immer wieder die Elphi ins Auge fällt. Kreuzfahrtschiffe in weiß, versteckt,  Muster an  der Überseebrücke und in der Hafencity. Gegen Ende die Ausgrabungen alter Fundamente am Baakenhafen, neben der neuen U-Bahn-Station. Schöne Stadt. Naja, Hamburch eben.

Eine kleine Serie von Schiffsgrafiken (Rickmer Rickmers) in den Farben Italiens und bei ebensolcher Sonne rundet das Bild ab.

Montag, 13. April 2020

Die Achse Sandbostel-Wintermoor

 

 

Vor zehn Jahren bin ich zum ersten Mal in Sandbostel gewesen. Der Flecken liegt bei Zeven und die Nazis hatten dort ein Stalag errichtet, ein Arbeitslager. Die Zwangs-arbeiter aus Sandbostel wurden in ganz Norddeutschland eingesetzt b- zum Beispiel auch bei uns in der Nach-barschaft, als in Wintermoor 1942 ein Ausweichkrankenhaus gebaut wurde. Wie in Wintermoor sind auch anderswo viele gestorben, unterernährt, geschunden. Nach dem Krieg war dort ein Lager für kriegsgefangene Offiziere, und als es kein Gefängnis mehr war, lebten dort jugendliche DDR-Flüchtlinge. Später wurde das Gelände zum Gewerbegebiet, ein Militaria-Händler stapete dort Helme und Uniformen. Das passte. Seit zwanzig Jahren kümmert sich eine engagierte Gruppe von Lehrern und Heimatkundlern darum, die Baracken als Gedenkstätte zu sichern und zu erhalten. Mittlerweile ist das gelungen, eine Stiftung entwickelt die Ausstellung über das Stalag weiter und pflegt das Gelände. Die Baracken entsprechen dem Typ, den man kennt - aus KZs, aus Kasernen, aus Lazaretten. Die Organisation Todt hatte da wohl einen Standard-Bauplan. Einige Bauten waren auch gemauert, als Ruinen sind sie heute zugänglich. Wie beim ersten Mal war ich auch jetzt, vor wenigen Wochen, allein auf dem Gelände. Wie beim ersten Mal bellten pausenlos Hunde, die auf dem Gnadenhof "Rasselbande" in einer ehemaligen Stalag-Baracke untergebracht sind.

Nachdem ich 2010 das Gelände erkundet hatte, waren mir nach und nach Erinnerungsfetzen hochgewirbelt: Ich kannte das dort, ich war da schon mal gewesen. Als kleiner Junge hatte ich mit meinen Eltern einen Freund der Familie besucht, der Jugendliche betreute. Er war ein ausgeprägter Typ, fuhr schon Mitte der fünfziger Jahre einen Buckel-Volvo und beschäftigte sich mit politischen Theorien vorwiegend linker Ausrichtung. Ich erinnerte mich dunkel an Holzbaracken und fand im Internet die Bestätigung, dass Schorch (so wurde der Freund genannt) das Heim für jugendliche DDR-Flüchtlinge in den fünfziger Jahren geleitet hatte. Und ihn hatten wir mit der Familie ungefähr 1957, 58 in Sandbostel besucht

Jetzt wollte ich zehn Jahre später beim zweiten Besuch meinen Eindruck überprüfen: Ein Traum-Szenario, unklar ob Albtraum oder nur fremd, im Spannungsfeld zwischen Verfall und Mahnung.

Und seit meinen Wintermoor-Erkundungen mein Foto-Thema Nummer eins: Scherben. Zerbrochene Fenster, gesplitterte Scheiben, die Ästhetik des Alterns. Sandbostel war nicht nur durch die von dort entsendeten Zwangsarbeiter verknüpft mit Wintermoor, durch die Baracken und die Nazi-Wurzeln, sondern auch durch das Alter und die Scherben.

Dienstag, 24. März 2020

Fostschutzberegnung

 

In unseren Breiten eine seltene Erschei-nung: Mitten im Frühjahrswald steht eine Baumschulenpflanzung, die bei strahlen-dem Sonnenschein und Temperaturen von 5 Grad um 11 Uhr vormittags vereist ist. Drumherum ist alles trocken. Das Ziel ist Frostschutz, weil bei Besprühen der Zweige Verdunstungswärme entsteht, die die Blätter und Blüten vor dem Erfrieren bewahrt. Soll tatsächlich funktionieren. Gibts aber eher in Obstanbaugegenden als normalerweise bei uns mitten im Stuvenwald. Und weil die an der Grenze stehenden Bäume gleich mit vereist werden, gibt es schicke Eiszapfen - und es tropft einem immer in den Nacken. Unten um die Bäumchen ist es dann eine einzige Pfütze, man muss mit Wurzelfäule rechnen und gerät wo-möglich vom Regen in die Traufe oder vom Eis in die Fäule.  Vor lauter Eis kann man gar nicht erkennen, was für Bäumchen sich darunter verbergen.

Montag, 23. März 2020

Zwischenstand (3. Kapitel):

City-Hochhäuser plattgemacht

 

Ich hab es immer zugegeben: Ich mochte die City-Hochhäuser. Sie hatten den spröden Charme der frühen sechziger Jahre, auch wenn sie nicht mehr so aussahen wie zu Beginn (sie hatten ursprünglich fast weiße Fassaden gehabt, ehe in den siebzigern Zementfaserplatten installiert wurden). So wie die Klinkerwohnblocks der Veddel den Autofahrer am Ende der A 255 kurz vor den Elbbrücken begrüßen, so standen die City-Hochhäuser Spalier, wenn man sich der Innenstadt näherte. Sie waren sowas von anders als das angrenzende Kontorviertel, das eine Verwechslung völlig ausgeschlossen war - und trotzdem schlossen sie auch optisch an das Chilehaus an, ließen auch mal einen Blick auf den Sprinkenhof frei, passgenau (letzte Zeile unten).  Dann wurde unter offensiver Mitwirkung des damaligen Senators Tschentscher  der Denkmalsschutz ausgehebelt und der Architektenwettbewerb passend gemacht und der Abriss beschlossen. Vielleicht tanzten die Häuser nicht genug, vielleicht waren sie nicht ausreichend bling-bling, vielleicht war einfach die Geschossflächenzahl für die 1A-Lage nicht genügend ausgereizt, ist ja auch völlig egal, weg sind sie. Hier die letzten Bilder, als dreiviertel des Komplexes schon weg war. Bonus: der Blick vor acht Jahren und vor einem Jahr.

Donnerstag, 5. März 2020

Lost shelter

 

Die kleinen Rückzugsorte

mit den gesplitterten Fenstern

überall gibt es sie

man muss es nur wissen

wenn man Schutz sucht

da steht auch ein Topf

das Holz liegt neben dem Ofen

roll deinen Schlafsack aus

und wenn es draußen dämmert

schließ die Fensterläden

so dicht es geht

dann wird dir nichts geschehen

es ist ein Rückzugsort.

Sonntag, 1. März 2020

Die Farben des Waldes

 

Auf der Suche nach den Wildkatzen (hier gibt es wohl doch keine) im Stuvenwald unterwegs. Letzte Woche hatte es zweieinhalb Stunden lang geregnet bzw. zwischendurch geschüttet, heute war es trocken. Den Guss gab es erst, als wir wieder zuhause waren. Nebenbei habe ich mich mit den Farben des Waldes beschäftigt - den Pflanzenfarben, den Sprayfarben der Waldarbeiter, und mit ein paar von mehreren tausend Grüntönen. Ganz schön bunt hier, auch im März, und trübes Wetter bringt das Moos zum Leuchten.

Montag, 24. Februar 2020

Ikonen - Was wir Menschen anbeten

 

Die Ausstellung in der Bremer Kunsthalle zeigt sechzig Werke der Weltkunst, die mit dem Thema ikonischer "Aspekte von Spiritualität, Andacht und Anbetung" (Begleitheft) zu tun haben. Bekannte Künstler wie Warhol, Kandinsky und Mondrian stehen neben YouTube-Stars und Instagram-Influencern. Nicht alle Auswahlentscheidungen leuchten unmittelbar ein, und nicht alles weist einen direkt erkennbaren Bezug zum Generalthema auf. Aber es ist immer wieder eine spannende Begegnung mit vertrauten Abbildern und abrufbaren Bedeutungen, die bestimmte Formen und Figuren auslösen. Klänge, Gerüche und Gestaltungen können Markenzeichen werden, wenn sie von der Werbung so entwickelt werden - oder wenn sie von Künstlern dazu stilisiert werden. "Marylin" von Warhol gehört ebenso dazu wie die Luftballontiere von Jeff Koons oder die Bling-Bling-Werke von Damien Hirst.

 

Manchmal ist es vielleicht eher der Künstler, der das Ikonische verkörpert, als das konkret ausgestellte Werk. Beuys' Konzertflügeljom beispielsweise  weist als  Skulptur weniger ikonische Qualität auf als der Künstler selbst, der durch den Filzhut seine Person zum Teil des Werkes macht. Das streng abstrakt-geometrische Werke Mondrians hat wie das Schwarze Quadrat von Malewitsch einen festen Platz in der Kunstgeschichte - ob und wie es in den Kanon der Kunst gehört, den "wir Menschen anbeten", kann vielleicht nur jeder für sich selbst beantworten.  Und natürlich stößt man auch allerorten immer wieder auf die Frage nach der Möglichkeit / Unmöglichkeit, Werk und Künstler zu trennen. Manches wirkte für mich eher wie ein guter Einfall als wie große Kunst, manches fand ich überflüssig, aber was sagt das schon. Die Flügel-Installation von Beuys, die überraschende Licht-Installation über drei Stockwerke von James Turrell (die allerdings vielleicht eher zur Ausstellung zählte, weil man sie aus den Räumen einfach nicht rauskriegte), auch "Evergreens" wie das Fountain-Urinal von Duchamp oder eine mir unbekannte, beeindruckende Video-Arbeit von Bill Viola bleiben in der Erinnerung, die Zugeständnisse an die Pop-"Ikonen" bleiben blass. Großartig ist die Entscheidung, jedem Werk einen eigenen und farblich kongenial gestalteten Raum zuzugestehen. Leider ist es nicht gelungen, immer nur einen Besucher zur Zeit in den Raum zu lassen...es ist voll an diesem Sonnabend.

Künstler: James Lee Byars (Einübung in den Tod), Kehinde Wiley (Malak Lunsford- der Künstler portraitierte auch Barack Obama für die Präsidentengalerie), Katharina Fritsch (Maria von Lourdes), Isa Genzke ("Nofretete - Das Original"), zweite Zeile: Blicke in die Lichtinstallation von James Turrell ("Above - Between - Below"); dritte Zeile: Duchamp, Jeff Koons, Pinwand; vierte Zeile: Constantin Brancusi, zwei Ausschnitte aus Beuys' "Konzertflügeljom"; fünfte Zeile: Allan McCollums "Zeichen der Abwesenheit" (Begleitheft), zweimal Hirsts "Liberation" aus Schmetterlingsflügeln (Befreiung?); letzte Zeile: Altar von Niki de Saint Phalle (Ausschnitt), Katharina Sieverdings Gold-Selfie.

 

 

 

Donnerstag, 30. Januar 2020

verloren + verloren = gefunden?

 

 

Dies ist der zweite Teil einer neuen Serie. Alte Bilder im noch älteren Kontext - die Bilder im schwarzen Rahmen sind irgendwo zwischen Buchholz und Apulien entstanden. Die Umgebung, Häuser, Schuppen, in der die Bilder jetzt stehen,  ist irgendwie auch ganz schön alt (geworden), aber hier bei uns in der Nordheide. Und aktuell, diese Serie ist ganz frisch. Gestorben wird immer, das gilt auch für Gebäude. Man kann das nur in beschränktem Maß aufhalten, ewiges Leben gibt es nur in bestimmten Religionen, und man sagt ja, unsere Zeit werde immer kurz- oder schnelllebiger.  Wenn ich weiter assoziiere, komme ich bald zu deutschen Sprüchen, die unselige Verknüpfungen mit sich bringen. "Wenn alles in Scherben fällt..." - das stammt aus dem Lied der Deutschen Arbeitsfront, war ein Nazi-Hit sondergleichen und gemahnt daran, wie nahe wir immer wieder in unserer Geschichte an und in der Zerstörung gelebt haben und leben. Scherben. Alltäglich und furchtbar, alles in einem. Diese Zwiespältigkeit spüre ich in meiner aktuellen Serie, und das ist intensiv, aber auch schrecklich. "Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich." Rilke, Duineser Elegien. Und Proust habe ich mitlerweile auch angefangen, Hörbuch, moderne Literaturrezeption. Und ich knipse weiter.

Dienstag, 21. Januar 2020

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Ort

 

 

Mit Fotos von lost places zu verlorenen Orten gehen und beide dort miteinander ins Verhältnis zu setzen - eine neue Serie. Ich glaube, als nächstes muss ich jetzt doch mal Marcel Proust lesen, A la recherche du temps perdu, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, hat sieben Bände, oha... aber passt irgendwie, sieben Bände, sieben Bilder.  In einer Besprechung hat der Journalist Hanjo Kesting vor einigen Jahren dazu geschrieben, ein-drucksvoll sei bei Proust "die Kunst, die Realität durch ihre genaue Beschreibung gleichsam aufzulösen und sie gleichzeitig im Prozess der Erinnerung zurückzugewinnen". Das passt, finde ich, zu meiner neuen Serie. Verschiedene Räume, aber immer dieselben Fotos. Was bleibt von dem Raum, was vom gerahmten Foto? Was im Prozess der Erinnerung ist neugewonnene Realität? Es kann einem schon mal ein bisschen schwindlig werden. Dann tut der Rahmen gut.

Freitag, 17. Januar 2020

Zwischenstand, 2. Kapitel:

Brombeerland

(Canteleu-Quartier - Buchholzer Bahnhofsviertel)

 

Ein weiteres Bauerwartungsgebiet in unserem kleinen Buchholz: Das Bahnhofsviertel (wegen der nebenan liegenden Canteleu-Brücke auch "Canteleu-Quartier" genannt). Die meisten Häuser zwischen Fisch-Pagel und Second-Hand-Shop wer-den abgerissen, aber noch steht alles rum und wartet. Welche der beiden schönen Altbauten (Rechts-anwaltskanzlei, Arztpraxis - siehe unten) erhalten und in den Neubaukomplex intregriert wird, war noch vor kurzem nicht so genau zu erfahren, aber es soll was bleiben... Die Heißmangel und das Leerstands-Café mit dem Einschussloch in der Frontscheibe müssen sicher dran glauben. Bis dahin übernehmen die Brombeeren das Gelände. Ob man noch wird ernten können im nächsten  Spätsommer bleibt abzuwarten.

Freitag, 3. Januar 2020

Zwischenstand, 1. Kapitel : Der alte Lokschuppen

 

Regelmäßig gucke ich alle ein, zwei Jahre beim alten Lokschuppen in Buchholz vorbei (z.B. BilderBlog 7.5.2015 / 29.3.2016). Bis vor drei Jahren gehörte noch das alte Eisenbahnerhaus nebenan dazu, in dem die Buchholzer Jugend das Sprayen geübt hatte. Als es abgerissen wurde, fürchtete ich um den Lokschuppen - aber er ist eines der wenigen denkmalsgeschützten Objekte in Buchholz, und er blieb daher stehen. Nun kommt Bewegung in das Ambiente, der Lokschuppen ist geräumt und vorbereitet auf Sanierung und Ausbau - wohl für Lofts und Eigentumswohnungen. Es gäbe schickere Verwendungszwecke, aber keiner will das bezahlen, also kommen Investoren zum Zug, die eher die Rendite als den schönen Bau im Auge haben. Aber so ist es nun  mal.